Wenn Alkohol am Abend vor allem beim Abschalten hilft, ist die Menge nur ein Teil der Geschichte. Psychologisch besonders relevant ist die Funktion: Alkohol wird zum schnellen Übergang von Anspannung zu Ruhe – und genau dadurch kann er immer wichtiger werden.
Es hilft wenig, sich einzureden, Alkohol würde „gar nicht entspannen“. Kurzfristige Dämpfung kann tatsächlich erlebt werden. Die therapeutische Frage lautet deshalb: Was kostet diese Entlastung langfristig – und welche andere Regulation fehlt bisher?
Der typische Lernkreislauf hinter „Ich brauche jetzt ein Glas“
- Anspannung: Arbeit, Konflikte, innere Unruhe, Grübeln oder Einsamkeit sind am Abend deutlich spürbar.
- Alkohol: Das erste Getränk verändert Stimmung und Körper schnell.
- Erleichterung: Die Anspannung sinkt zumindest kurzfristig.
- Lernen: Das Gehirn speichert Alkohol als besonders zuverlässige Lösung für genau diesen Zustand.
- Verengung: Andere Wege werden seltener genutzt, wirken im Vergleich langsamer und erscheinen zunehmend „nutzlos“.
Das erklärt, warum ein Muster fester werden kann, obwohl eine Person sehr genau weiß, dass sie eigentlich weniger trinken möchte.
Was genau soll am Abend verschwinden?
„Abschalten“ ist ein Sammelbegriff. Für Veränderung lohnt sich eine präzisere Antwort. Geht es um körperliche Übererregung? Gedankliches Weiterarbeiten? Ärger? Leere? Einsamkeit? Erwartungsdruck in der Familie? Schlafangst? Unterschiedliche Funktionen benötigen unterschiedliche Alternativen.
Eine Dusche kann bei körperlicher Anspannung helfen, aber kaum ein ungelöstes Beziehungsthema ersetzen. Bewegung kann Aktivierung senken, aber nicht automatisch Einsamkeit verändern. Gute Alternativen sind deshalb funktional passend statt allgemein „gesund“.
Warum bloßes Ersetzen durch ein alkoholfreies Getränk manchmal nicht reicht
Alkoholfreie Alternativen können das Ritual erhalten und für viele Menschen nützlich sein. Wenn das eigentliche Problem jedoch darin besteht, dass der Tag bis 20 Uhr ohne jede Regulation durchgezogen wird, bleibt die zentrale Belastung bestehen. Dann sollte Veränderung bereits früher beginnen: Pausen, Grenzen, Arbeitsende, Konfliktklärung, Reizreduktion, Schlafroutine oder Umgang mit Grübeln.
Therapeutisch geht es deshalb nicht nur um das Glas, sondern um die gesamte Kette, die es notwendig erscheinen lässt.
Wenn „Entspannung“ inzwischen eher Betäubung bedeutet
Ein wichtiges Signal ist, wenn nicht mehr nur angenehme Entspannung gesucht wird, sondern Gefühle möglichst schnell verschwinden sollen. Alkohol kann dann zur Form der Selbstmedikation werden – etwa bei Angst, depressiver Leere, traumatischen Erinnerungen oder chronischer Überforderung.
Das bedeutet nicht, dass automatisch eine bestimmte psychische Diagnose vorliegt. Es bedeutet aber, dass Konsum und psychische Belastung gemeinsam betrachtet werden sollten.
Ein sinnvoller Veränderungstest: die ersten 60 Minuten des Abends
Statt den ganzen Abend als Willenskraftprüfung zu behandeln, untersuchen Sie den Übergang. Was passiert in der Stunde vor dem ersten Getränk? Welche Gedanken, Körpergefühle und Situationen machen den Griff zum Alkohol wahrscheinlich? Was verändert sich, wenn Essen, kurze Bewegung, Dusche, Musik, Gespräch oder Ruhephase vor dem gewohnten Konsumzeitpunkt stattfinden?
Wenn schon eine kurze Verschiebung starken Suchtdruck oder körperliche Beschwerden auslöst, ist das ein wichtiger Hinweis für fachliche Abklärung.
Wann Psychotherapie besonders sinnvoll sein kann
Wenn Alkohol zuverlässig Gefühle oder Stress reguliert, kann Psychotherapie an den Bedingungen ansetzen, die den Konsum funktional machen: Emotionsregulation, Grenzen, Perfektionismus, Angst, depressive Symptome, Schlaf, Beziehungsmuster oder chronische Überforderung. Bei stärkerer Abhängigkeit reicht Psychotherapie allein jedoch häufig nicht aus; medizinische und suchtberatende Behandlung kann dazugehören.
Versuchen Sie nicht, einen täglichen oder hochdosierten Alkoholkonsum abrupt allein zu beenden, wenn Entzugssymptome möglich sind. Lassen Sie das medizinisch abklären.
Alternative Entlastung testen
Wenn Alkohol eine Funktion hat, muss Veränderung diese Funktion ernst nehmen.
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Benennen Sie exakt, wovon Sie abends „abschalten“ wollen.
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Nur wenn keine Hinweise auf körperliche Abhängigkeit oder Entzug bestehen: Verschieben Sie an einem sicheren Tag den ersten Konsum um 30–60 Minuten und beobachten Sie, was Sie eigentlich regulieren möchten.
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Testen Sie vorher eine konkrete Alternative, die zur Funktion passt: Essen, Dusche, Bewegung, Gespräch, Ruhe-Ritual oder eine geplante Schlafroutine.
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Bewerten Sie nicht nur den Abend, sondern auch Schlaf, Stimmung und Energie am nächsten Morgen.
Woran Sie eine Veränderung erkennen können
- Alkohol ist nicht mehr die einzige verfügbare Entlastungsstrategie.
- Auslöser werden genauer.
- Sie merken früher, wenn Verzicht/Reduktion ohne Unterstützung schwierig wird.
Diese Übung ersetzt keine individuelle Einschätzung. Wenn Beschwerden deutlich zunehmen, Sicherheit fraglich ist oder körperliche Risiken bestehen, holen Sie bitte fachliche Hilfe.
Merles fachlicher Hintergrund bei diesem Themenfeld: mehrjährige Tätigkeit in der Suchttherapie bei SDS Villa Lanke, klinische Tätigkeit in der Fontane-Klinik und heute Kooperation im ambulanten Nachsorgenetzwerk der My Way Betty Ford Klinik in Berlin.
Weiterführende fachliche Informationen
Ausgewählte Leitlinien, evidenzbasierte Patienteninformationen und Fachliteratur helfen dabei, dieses Thema weiter zu vertiefen. Zu jeder Quelle steht kurz dabei, wofür sie besonders hilfreich ist.
AWMF-Leitlinienregister
S3-Leitlinie Alkoholbezogene Störungen – Version 3.1 →
Leitlinie zu Screening, Diagnostik und Behandlung alkoholbezogener Störungen. Version 3.1 wurde 2021 veröffentlicht und war bis Ende 2025 gültig; eine Aktualisierung ist im AWMF-Register angemeldet.
gesund.bund.de
Alkohol: Wirkung, Folgen und Abhängigkeit →
Staatliche Gesundheitsinformation zu Konsummustern, Abhängigkeit, Kontrollverlust, Entzug, Behandlung und Rückfallrisiko.
Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
Empfehlungen zum Umgang mit Alkohol →
Aktuelle fachliche Empfehlung: Es gibt keinen sicheren Alkoholkonsum; je weniger Alkohol, desto geringer das gesundheitliche Risiko.
Berliner Familienportal
Suchtberatung und Suchtprävention in Berlin →
Bezirklich gegliederte Übersicht kostenloser Berliner Beratungsangebote für Alkohol, Drogen, Medikamente und weitere Suchtprobleme – auch für Angehörige.
Diese Quellen dienen der Vertiefung und allgemeinen Orientierung. Sie ersetzen keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.