Wenn ein Angehöriger ein Suchtproblem hat, geraten Partner, Eltern, erwachsene Kinder oder Geschwister leicht in eine Rolle, in der sie gleichzeitig helfen, kontrollieren, vertuschen und Krisen verhindern sollen. Das ist auf Dauer kaum zu tragen.
Angehörigenberatung ist kein Umweg. Sie kann eigene Belastung reduzieren, Grenzen klären und verhindern, dass das gesamte Familienleben nur noch um Konsum organisiert wird.
Was Angehörige tatsächlich beeinflussen können – und was nicht
Beeinflussbar
Wie Sie sprechen, welche Unterstützung Sie anbieten, welche Grenzen Sie setzen, was Sie nicht mehr vertuschen und wo Sie sich selbst Hilfe holen.
Nicht kontrollierbar
Ob die andere Person ehrlich ist, abstinent bleibt, eine Behandlung beginnt oder jeden einzelnen Konsumimpuls anders entscheidet.
Diese Grenze ist emotional schwer. Sie bedeutet nicht Gleichgültigkeit. Sie verhindert, dass Verantwortung vollständig von der betroffenen Person auf das Umfeld wandert.
Helfen, ermöglichen und Folgen abfangen sind nicht dasselbe
Eine Fahrt zur Behandlung kann Hilfe sein. Wiederholt den Arbeitgeber belügen, Schulden ausgleichen oder Konsequenzen des Konsums verdecken kann unbeabsichtigt dazu beitragen, dass die reale Tragweite des Problems weniger spürbar bleibt. Ob eine konkrete Handlung hilfreich ist, hängt vom Kontext ab – pauschale Regeln funktionieren schlecht.
Eine gute Leitfrage lautet: Unterstützt meine Handlung Behandlung und Sicherheit – oder übernimmt sie dauerhaft Verantwortung, die eigentlich bei der anderen Person liegt?
Gespräche funktionieren besser mit Beobachtung als mit Etiketten
„Du bist Alkoholiker“ führt häufig direkt in Verteidigung. Konkreter ist: „Du hast diese Woche dreimal so viel getrunken, dass du am nächsten Morgen nicht ansprechbar warst. Ich habe Angst und ich werde die Kinder in solchen Situationen nicht mehr allein bei dir lassen.“
Beobachtung, persönliche Auswirkung und eigene Grenze sind meist handlungsfähiger als Diagnosen aus der Familienrolle.
Wenn Kinder im Haushalt leben
Dann geht es nicht nur um Paar- oder Familienharmonie, sondern auch um Verlässlichkeit, Aufsicht und Sicherheit. Kinder sollten nicht zu Kontrolleuren, Geheimnisträgern oder emotionalen Stützen eines suchtbelasteten Elternteils werden. Bei konkreter Gefährdung muss Schutz Vorrang vor dem Wunsch haben, Konflikte innerhalb der Familie zu halten.
Auch Angehörige können psychisch krank werden
Chronische Alarmbereitschaft, Schlafprobleme, Angst, depressive Symptome, sozialer Rückzug und körperliche Erschöpfung sind keine Seltenheit. Dann kann neben Angehörigenberatung auch eigene Psychotherapie sinnvoll sein – unabhängig davon, ob die betroffene Person ihre Sucht behandeln lässt.
Berliner Hilfe ist auch für Angehörige offen
Die Berliner Suchtberatungsstellen beraten nicht nur konsumierende Menschen. Auch Familienangehörige und andere Bezugspersonen können sich dort informieren, die Situation sortieren und konkrete Hilfswege besprechen. Das kann ein sinnvoller erster Schritt sein, bevor in der Familie die nächste Eskalation entsteht.
Sicherheit geht vor Gesprächsstrategie. Bei unmittelbarer Gefahr wählen Sie 110 beziehungsweise 112. Eine akute Intoxikation oder ein schwerer Entzug kann medizinische Notfallversorgung erfordern.
Eigene Verantwortung abgrenzen
Helfen ist etwas anderes als die Abstinenz eines anderen Menschen zu kontrollieren.
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Notieren Sie, welche Folgen Sie regelmäßig für die betroffene Person auffangen.
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Markieren Sie, was Sie beeinflussen können und was nicht.
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Formulieren Sie eine eigene Grenze mit einer Handlung, die Sie selbst umsetzen können.
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Organisieren Sie Unterstützung für sich – unabhängig davon, ob die andere Person Hilfe annimmt.
Woran Sie eine Veränderung erkennen können
- Ihr Alltag dreht sich weniger ausschließlich um Kontrolle.
- Grenzen werden konkreter.
- Eigene Gesundheit und Unterstützung bekommen wieder Raum.
Diese Übung ersetzt keine individuelle Einschätzung. Wenn Beschwerden deutlich zunehmen, Sicherheit fraglich ist oder körperliche Risiken bestehen, holen Sie bitte fachliche Hilfe.
Merles fachlicher Hintergrund bei diesem Themenfeld: mehrjährige Tätigkeit in der Suchttherapie bei SDS Villa Lanke, klinische Tätigkeit in der Fontane-Klinik und heute Kooperation im ambulanten Nachsorgenetzwerk der My Way Betty Ford Klinik in Berlin.
Weiterführende fachliche Informationen
Ausgewählte Leitlinien, evidenzbasierte Patienteninformationen und Fachliteratur helfen dabei, dieses Thema weiter zu vertiefen. Zu jeder Quelle steht kurz dabei, wofür sie besonders hilfreich ist.
Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit
Informationen für Angehörige suchtkranker Menschen →
Informationsangebot speziell für Angehörige zu Hilfe, Grenzen, Unterstützung und dem Umgang mit suchtbezogenen Problemen.
Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
Angehörige in der Sucht-Selbsthilfe →
Fachliche Einordnung des Unterstützungsbedarfs von Angehörigen; hinterfragt auch den oft unscharf verwendeten Begriff „Co-Abhängigkeit“.
Berliner Familienportal
Suchtberatung und Suchtprävention in Berlin →
Bezirklich gegliederte Übersicht kostenloser Berliner Beratungsangebote für Alkohol, Drogen, Medikamente und weitere Suchtprobleme – auch für Angehörige.
AWMF-Leitlinienregister
S3-Leitlinie Alkoholbezogene Störungen – Version 3.1 →
Leitlinie zu Screening, Diagnostik und Behandlung alkoholbezogener Störungen. Version 3.1 wurde 2021 veröffentlicht und war bis Ende 2025 gültig; eine Aktualisierung ist im AWMF-Register angemeldet.
Diese Quellen dienen der Vertiefung und allgemeinen Orientierung. Sie ersetzen keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.